Rechtskundeunterricht für Flüchtlinge

(16.02.2016)

Ein ehrenamtliche Initiative bietet Demokratie-Unterricht auf Arabisch für Flüchtlinge in Siegburg an. Anfangs verlieren sich nur zehn Teilnehmer im Saal.

Von Cordula Orphal - Kölner-Stadt-Anzeiger v. 15.02.2016 -

 
Siegburg.
Das kleine Büchlein muss man von hinten aufblättern, wenn man deutsche Maßstäbe anlegt. Schwarz-Rot-Gold prangt auf seiner Rückseite, darunter arabische Schriftzeichen und lateinische Großbuchstaben. Vom Grundgesetz auf Arabisch – das von rechts nach links, also auch von „hinten nach vorn“ zu lesen ist – schlug Rechtsanwalt Jürgen Helser im evangelischen Gemeindehaus einen Bogen zu den Ereignissen in Köln: „Was da passiert ist, ist mit dem Artikel 1 unvereinbar.“ Seine Zuhörer, meist junge Männer mit dunklem Haar, sitzen ganz still in dem Kurs „Rechtskunde für Flüchtlinge“. Köln, das wissen die Syrer, Iraker, Algerier, hat viel verändert auch in ihrem Leben.Neben dem Referenten steht Issa Al-Helo, Gymnasiast mit hellrotem Haarschopf (nicht gefärbt) und modischer schwarzer Brille. Der 17-Jährige, in Deutschland geborener Sohn syrischer Flüchtlinge, spricht zwar fließend Arabisch, hat aber zu knacken an Worten wie Rechtsstaatsprinzip und repräsentativer Demokratie. Er dolmetscht im Auftrag der Flüchtlingsinitiative Siegburg/Lohmar, die das dreiteilige Rechtskunde-Seminar auf die Beine gestellt hat.



Die Grundlagen des Rechtsstaates brachte der Siegburger Rechtsanwalt Jürgen Helser (links) den Flüchtlingen nahe. Gymnasiast Issa Al-Helo (rechts) übersetzte.

Anfangs verlieren sich nur zehn Teilnehmer im Saal, dann werden es zwanzig, nach der Pause dreißig, immer noch erheblich weniger, als sich angemeldet hatten. Sie müssen sich ausweisen und auf einer Liste eintragen. „Nur wer an allen drei Kursen teilnimmt, erhält ein Zertifikat“, sagt Christa Feld von der Initiative. „Das kann die Suche nach Arbeit und Wohnung erleichtern.“Merkel und Gauck, diese Namen kennen die Flüchtlinge. Sie wissen, dass sie in Nordrhein-Westfalen untergebracht sind, und mit dem Laserpointer verortet einer auf der Deutschlandkarte (fast) korrekt Siegburg südwestlich von Düsseldorf. Der Siegburger Anwalt Helser erläutert Gesetzgebungsverfahren, die Rolle des Bundestags, des Bundesrats. Staatskundeunterricht, ein wenig zu komplex. Elftklässler Issa Al-Helo sucht immer wieder nach Worten, wobei ihm Orwah Abdin assistiert. Der 33-jährige Arzt, seit einem Jahr in Deutschland, findet für die Fachbegriffe eher das arabische Pendant.Die Prinzipien der Demokratie und unseres Zusammenlebens deutlich zu machen, das gelingt dem Juristen besser mit den farbigen Folien zu den Artikeln 1 bis 4 des Grundgesetzes; er spricht über Respekt, Gleichberechtigung, Glaubensfreiheit: „All das ist auch für Sie wichtig.“ Eine Folie zeigt unter anderem einen Hippie, ein flippiges Mädchen im Minirock, einen Westenträger und einen (Haus-) Mann mit Schürze. „In Deutschland darf sich jeder frei entfalten, sein Leben und seine körperliche Unversehrtheit sind geschützt“, erläutert Helser den Artikel 2. „Auch das ist in Köln verletzt worden.“Die Übergriffe waren Anlass für dieses Seminar, sagt Initiatorin Christa Feld, die eine Unterkunft in Siegburg ehrenamtlich betreut, im Gespräch am Rande. „Wenn wir verlangen, dass Menschen sich rechtsstaatlich verhalten, müssen wir sie auch mit Informationen versorgen.“ Warum sind nicht mehr gekommen? Sie zuckt die Achseln. Deutsche Pünktlichkeit müssten viele Flüchtlinge noch lernen.Am Ende bittet sie die Teilnehmer, zum nächsten Termin doch rechtzeitig zu erscheinen. Es sei ganz wichtig, gemeinsam zu beginnen. „In Deutschland herrschen Recht und Ordnung, das ist auch gut für Sie.“

Kurs „Rechtskunde für Flüchtlinge“ in Siegburg: Kölner Silvesternacht als Anlass für Rechtsseminar | Siegburg - Kölner Stadt-Anzeiger - Lesen Sie mehr auf:
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